
Chemische Stoffe in der Umwelt
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Zunächst einmal sollte man sich bewusst sein, dass alle Gegenstände und Produkte, sämtliche Pflanzen und Tiere sowie wir selber eine Vielzahl an unterschiedlichen chemischen Stoffen enthalten. Es ist vielen Menschen gar nicht bewusst, dass auch alle natürlich ablaufenden biologischen oder atmosphärischen Vorgänge letztlich auf einem komplexen System von ineinander greifenden chemischen und biochemischen Prozessen beruhen. Aussagen wie "Da ist viel Chemie drin" oder "Das ist alles rein biologisch" quasi als Synonyme für positiv bzw. negativ gemeinte Bewertungen sind daher objektiv gesehen völlig haltlos.
Auf der anderen Seite hat sich in der jüngeren Vergangenheit klar
gezeigt, dass es unbedingt notwendig ist, mit unserem Planet
Erde sehr viel sorgsamer umzugehen, als das Jahre lang geschehen ist.
Der Eintrag von chemischen Stoffen in die Umwelt (Umweltverschmutzung)
hat seit Beginn der Industrialisierung bis in die 80er Jahre des vergangenen
Jahrhunderts stetig zugenommen.
Eine enorme Anzahl an neu synthetisierten chemischen Substanzen
ist in großem Maßstab in die Umwelt entlassen worden, ohne
dass zuvor hinreichende Untersuchungen zur Auswirkung auf das Ökosystem
oder speziell auch auf den Menschen erfolgt wären. Beispiele
hierfür sind Substanzen wie Lindan, Pentachlorphenol oder Dibenzodioxine
und -furane.
Das wachsende Bewusstsein der Bevölkerung für umweltchemische bzw. toxikologische Fragestellungen hat bei vielen Menschen zu unterschiedlich spezifischen Umweltängsten geführt, die sehr ernst genommen werden sollten. Einige davon erscheinen jedoch auch überzogen bzw. inhaltlich unbegründet zu sein. Eine umfangreiche, offene Informationsvermittlung ist aus meiner Sicht sehr wesentlich, um unbegründete Ängste abzubauen und den Blick auf die eigentlichen Problemfelder zu lenken.
Neben den tatsächlich bestehenden Risiken, die auf den vorliegenden Internet-Seiten näher diskutiert werden, muss man objektiv gesehen bedenken, dass viele Substanzen aufgrund der früher nicht zur Verfügung stehenden Nachweisverfahren lange Zeit in der Umwelt bzw. im menschlichen Organismus überhaupt nicht bestimmbar waren. Erst der enorme Fortschritt der Leistungsfähigkeit der analytischen Chemie hat die Konzentration etlicher Stoffe in der Umwelt bzw. im menschlichen oder tierischen Organismus erst zu Tage gefördert. Es ist heute ohne Weiteres möglich, chemische Substanzen nicht mehr nur in bedenklich hohen Konzentrationen nachzuweisen, sondern auch in Konzentrationsbereichen, die biologisch völlig "normal" bzw. physiologisch undenklich sind. Diese im Grundsatz als sehr positiv anzusehende Tatsache (man hat ja somit nun wesentlich bessere Kontrollmöglichkeiten) hat jedoch auch dazu geführt, dass man heute bei etlichen Messdaten nicht mehr so ohne Weiteres die Bedeutung dieser Werte hinsichtlich ihrer Wirkungen kennt. Hieraus ergeben sich immer wieder Unsicherheiten, die von vielen Menschen nicht eingeordnet werden können.
Um sich diesen Sachverhalt zu verdeutlichen, rufe man sich noch einmal den auf der vorangegangenen Seite erwähnten Vergleich mit dem Würfelzucker im Bodensee ins Gedächtnis. Abgesehen davon, dass es eine große technologische Leistung ist, Konzentrationen in solchen Spurenbereichen überhaupt nachweisen zu können, ist es sicherlich ebenfalls leicht nachvollziehbar, dass eine Aussage zur Wirkung der Konzentration von einem Stück bzw. von zwei Stücken Würfelzucker auf das Gesamtsystem des Bodensees äußerst schwierig wenn nicht unmöglich ist. Ähnliche Probleme findet man leider oftmals auch bei sehr viel realeren Fragestellungen als diesem Vergleichsbeispiel.
Auf der anderen Seite darf man bei der Betrachtung möglicher Wirkungen im Niedrigdosisbereich nicht vergessen, dass die meisten biologischen und biochemischen Prozesse in der Natur letztlich auch nur von sehr geringen Substanzmengen gesteuert werden. Es erscheint somit unzulässig und letztlich grob fahrlässig zu sein, von vornherein zu unterstellen, Langzeitwirkungen geringer Dosen würden gar nicht stattfinden. Auf der anderen Seite ist es genauso unzulässig, zu unterstellen, dass jede noch so kleine Dosis eines Stoffes zwangsläufig zu einer adversen Wirkung beim Menschen führt. Hier ist eine sehr viel sachlichere Betrachtungsweise angemessen sowie die verstärkte Förderung von Forschungsarbeiten zur Aufklärung von mittel- und langfristigen Wirkungen von chemischen bzw. biochemischen Stoffen im Niedrigdosisbereich gefordert.
Das Interesse entsprechender Untersuchungen muss allgemein gesagt der
Frage gelten, was ist in welchen Konzentrationen worin enthalten
und welche Wirkungen gehen davon aus ?
Risiko, Risikobewertung, Grenzwerte
Im Hinblick auf einen möglichst umfassenden Schutz der Bevölkerung sowie der Ökosysteme ist es sehr wesentlich, das objektiv bestehende Risiko einer adversen Wirkung durch chemische Substanzen mit wissenschaftlichen Methoden zu bewerten. Die Bewertung des von bestimmten chemischen oder biochemischen Stoffen ausgehenden Risikos ist in der Regel nicht einfach und muss stetig dem neuesten Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse angepasst werden. Bei der Risikobewertung sollte jeweils die Gesamtheit aller zur Verfügung stehenden toxikologischen und epidemiologischen Daten einfließen. Darüber hinaus muss ebenfalls die zu erwartende Expositionsdauer und Expositionsintensität betroffener Personen berücksichtigt werden.
Eine umfassend durchgeführte Risikobewertung ist wesentliche Grundlage für die Aufstellung von Grenz- bzw. Richtwerten. Grenz- und Richtwerte sind immer wieder Gegenstand öffentlicher Diskussion, aber auch zahlreicher wissenschaftlicher Untersuchungen. Nicht jedem ist bekannt, dass es sehr viele unterschiedliche Arten von Grenzwerten gibt, für deren Aufstellung teilweise völlig unterschiedliche Kriterien maßgeblich sind. Die "Qualität" von Grenzwerten, also das Maß an wissenschaftlicher Begründung, kann daher sehr unterschiedlich sein !
Bei der Definition von toxikologisch abgeleiteten Grenzwerten wird in der Regel von einer Wirkungsschwelle ausgegangen, unterhalb der keine adversen, also schädigenden Wirkungen mehr auftreten. Die Ermittlung dieser Schwellen (NOEL bzw. NOAEL) basiert meistens auf tierexperimentellen Daten oder zellulären in-vitro-Testverfahren, die dann auf den Menschen extrapoliert werden müssen. Liegen zuverlässige Daten beim Menschen vor (z.B. aus epidemiologischen Studien oder Erfahrungen aus Unfallereignissen oder Vergiftungsfällen), so sind diese Daten den tierexperimentell gewonnenen vorzuziehen. In der Regel werden dann noch bestimmte Sicherheitsfaktoren einbezogen, die das Restrisiko weiter begrenzen sollen. Beispiele für toxikologisch abgeleitete Grenzwerte sind die an Arbeitsplätzen geltenden Grenzwerte für luftgetragene chemische Stoffe (MAK-Werte).
Für Stoffe mit einem kanzerogenen oder teratogenen Potential kann eine solche Wirkungsschwelle naturgemäß nicht sicher angegeben werden. Grenzwerte entsprechender Stoffe können daher das Gesundheitsrisiko nur begrenzen, nicht jedoch völlig ausschließen. Beispiele für solche Grenzwert sind die TRK-Werte. Eine Abschätzung des in der Praxis bestehenden (Rest-)Risikos kann mit Hilfe des von U.S.-amerikanischen Arbeitsgruppen initiierten Unit-Risk-Konzepts erfolgen. Unter dem Begriff "Unit-Risk" versteht man das (relative) Risiko eines Menschen, im Laufe seines (70 jährigen) Lebens aufgrund dieser speziellen Noxe an Krebs zu erkranken.
Nicht immer liegen für einen bestimmten Stoff jedoch wirklich umfassende
toxikologische Daten vor. Dieser Sachverhalt führt objektiv gesehen
fast zwangsläufig zu einem gewissen Spannungsfeld, in dem sich
politisch Handelnde befinden, die letztlich einen möglichst umfassenden
Schutz für die Bevölkerung in Form von Grenzwerten zu
realisieren haben ohne dabei aber unnötig in die Lebens- und Konsumgewohnheiten
der Bevölkerung einzugreifen. Es existieren daher auch eine ganze
Reihe von "politischen" Grenzwerten ("Vorsorgewerte", "Richtwerte", etc.), die teilweise aus berechtigten
Gründen des vorsorgenden Gesundheitsschutzes aufgestellt worden sind,
teilweise jedoch auch jeder wissenschaftlichen Begründung entbehren.
Was ist in der Zukunft zu tun ?
Untersuchungen zum Vorkommen und Verhalten von chemischen Stoffen in der Umwelt sowie zur Wirkung auf den Menschen und auf das Ökosystem sind auch in den kommenden Jahren und Jahrzehnten weiterhin von besonderer Wichtigkeit. Unabhängig davon, welche Szenarien der Fortentwicklung lokaler und globaler Umweltveränderungen (Zerstörung von Lebensräumen, globale Erderwärmung, etc.) tatsächlich eintreten werden und welche nicht, ist es sehr wichtig, das Zusammenwirken der natürlich ablaufenden Prozesse in den Kompartimenten Luft, Wasser und Boden bzw. Sediment weiter zu erforschen. Nur wenn auch die übergeordneten Zusammenhänge verstanden worden sind, können komplexe anthropogen induzierte Effekte erkannt werden.
Es erscheint allerdings wichtig, dass in der Zukunft die unter dem Begriff "Umweltforschung" zusammengefassten Arbeiten aus den Bereichen Chemie, Ökologie, Toxikologie und Medizin wieder weniger emotional und ohne vorschnelle Wertungen durchgeführt werden. Es ist der Sache eines vorsorgenden Umweltschutzes bzw. eines nachhaltigen Wirtschaftens letztlich nicht dienlich, wenn aufgrund einer zeitweilig massiv aufgetretenen "Umwelthysterie" in der Öffentlichkeit gar nicht mehr unterschieden werden kann, was wirklich kurz- oder langfristig für Mensch oder Umwelt gefährlich ist und wo somit akuter Handlunsbedarf besteht, und was letztlich nur aufgebauschte Einzelereigisse sind, die in einigen Medien publikumswirksam dargestellt worden sind.
Auf der anderen Seite ist seit ein paar Jahren ein deutlicher Rückgang umweltbezogener Forschungsvorhaben festzustellen, verbunden mit einem nahezu vollständigen Einstellen der Forschungsförderung entsprechender Projekte und der teilweisen Infragestellung jedweder Noxen aus dem Bereich "Umwelt" auf den Menschen. Diese Entwicklung ist als sehr bedenklich einzustufen.
Bei einer realistischen Einschätzung der zukünftigen Entwicklung auf dem Gebiet der Ökologie ist davon auszugehen, dass zumindest die globalen Umweltprobleme sich in den kommenden Jahren deutlich verschärfen werden. Die jüngst beobachtete Zunahme von Starkwindereignissen (Wirbelstürme, Sturmfluten, etc.) sowie die Abnahme des stratosphärischen Ozons ("Ozonloch") dürften nur einige der zu erwartenden Probleme reflektieren. Nicht zuletzt ergibt sich allein aus der fortschreitenden Bevölkerungszunahme in weiten Teilen der Welt trotz aller Klimaschutzanstrengungen eine absehbare weitere Zunahme der Emissionen sowohl an CO2 als auch an anderen Verbrennungsend- oder zwischenprodukten, verbunden mit einer weiteren Abholzung von Waldgebieten. Es sollten daher weitere Forschungs- und Entwicklungsanstrengungen unternommen werden, um diese Probleme zu lösen.
Darüber hinaus sollte in den kommenden Jahren die Erforschung
von Wirkungen auf den Menschen, die von chemischen, physikalischen
oder biologischen Noxen im Niedrigdosisbereich ausgehen, intensiviert
werden. Wie auf meinen Internet-Seiten mehrfach ausgeführt, liegen
letztlich bis heute keine wirklich verlässlichen Daten vor, welche
Noxen unter den Alltagsbedingungen tatsächlich relevante Wirkungen
induzieren und welche vernachlässigt werden können. Ebenfalls
gibt es nahezu keine Informationen über synergistische oder antagonistische
Kombinationswirkungen von Substanzgemischen. Als Beispiel
dafür, dass auch relativ geringe Substanzmengen beim Menschen tatsächlich
signifikante Effekte hervorrufen können, seien exemplarisch allergischen Reaktionen genannt.
Fragen oder Anregungen
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